Die Bearbeitung vom Saxophonblättern

Jeder Saxophonist kennt das Problem: EINE Schachtel Blätter EINER Marke und Stärke, und zehn verschieden Ansprechverhalten - von allen Dingen, die Einfluss haben auf das Ansprchverhalten, den Klang, die Lautstärke und schlicht die Spielbarkeit des Instrumentes, hat das Blatt die veränderlichsten Eigenschaften; es kann also hilfreich sein, diese Blätter zu bearbeiten. Darüberhinaus haben die Blätter einen starken Einfluss auf einen Parameter, der für den Hörereindruck und die Selbstwahrnehmung des Spielers entscheidend ist: der Sound.

Zunächst die Frage: wie funktioniert dieses Blatt eigentlich? Durch den (leichten) Druck der Unterlippe wird die Öffnung an den Seiten ganz automatisch geschlossen, während die überall gleichmäßig dicke, im Mund sich befindende Spitze frei schwingt und die Luftsäule im Saxophon zum Schwingen und Klingen bringt. Das bedeutet aber auch, dass ein Blatt praktisch unbrauch- und unreparierbar ist , das seine harten Fasern an den Rändern hat und in der Mitte nur Fleisch ist. Außerdem heißt das, dass es unterschiedliche Ursachen haben kann, wenn sich ein Blatt "zu hart" anfühlt: a) es ist tatsächlich im ganzen zu hart, dann sollte es flächig auf der ungewölbten Unterseite abgeschliffen werden - die einfachste Variante. b) Die harten Fasern befinden sich eher in der Mitte; dann muss ich dort etwas wegnehmen, wobei ich mir klar sein muss, dass die entscheidenden Fasern "unten" durchlaufen und ich "oben" versuche, das auszugleichen. c) Die harten Fasern befinden sich am Rand, und es passiert folgendes: Der Spieler muss das Blatt stärker anpressen als gewohnt, der Luftkanal verengt sich und der erfolderliche Druck wird größer; da sich die Seiten nur schwer schließen, neigt das Blatt zum Quietschen. Die Bearbeitung an den Rändern ist allerdings relativ einfach.

Nun ein paar grundsätzliche Überlegungen, die vielleicht etwas banal klingen:

 

1. Sie sollten sich im Klaren sein, wie sich ein für Sie angenehmes Blatt anfühlt, und eine Vorstellung haben, welchen Sound Sie anstreben. Dazu ist es (GERADE als Anfänger) nützlich, die Blätter ständig zu wechseln und nicht immer dasselbe zu spielen, bis es hinüber ist. Selbstverständlich ist es nötig, dass die Tonerzeugung von sagen wir E ohne bis C mit Oktavklappe sicher und konstant ist. (Für die hohen und tiefen Töne dort Tips.)

2. Vom Blatt kann man nur etwas wegnehmen... Manche Blätter sind also einfach nicht zu retten, weil an entscheidenden Stellen Fasern fehlen.

3. Das Blatt ist ein Körper. Der berühmte Test "gegen's Licht halten und schauen was Sache ist" hilft also nur eingeschränkt weiter - man sieht nur zwei  Dimensionen. Die wichtige, zu dicke Faser liegt vielleicht im Inneren...

4. Entscheidend für das Spielverhalten eines Blattes ist nicht die Härte oder Weichheit, sondern seine gleichmäßige Elastizität. (Diese geht langsam und endgültig verloren: das Blatt biegt sich immer mehr entsprechend der Bahn.)

5. Ein Blatt, das gut klingt und sich beim Spielen angenehm anfühlt, sieht beim Durchblicken nicht unbedingt gut, das heißt gleichmäßig aus (das berühmte Bild der Glockenkurve). Das gilt umgekehrt genauso.

6. Das Blatt UNBEDINGT nur auf der gewölbten Seite bearbeiten! Ein Blatt, das nicht mehr absolut flach auf dem Tisch (der geschlossenen Fläche des Mundstückes) liegt, ist nicht mehr zu gebrauchen.

7. Wenn sich jedes Blatt gleich (schlecht) anfühlt, hilft vielleicht doch mehr üben, eine Kontrolle des Ansatzes oder, immer wieder unterschätzt, der Stütze. (Vielleicht müssen nach all der Zeit auch mal wieder neue Blätter gekauft werden.)

Es ist auch ratsam, hin und wieder mal probeweise den Winkel zu ändern (und zwar horizontal wie vertikal), in dem ich ins Horn blase. Und zu schauen, was ich eigentlich mit meiner Zunge so mache WÄHREND des Tones.

 

 

Nun ein kleiner Lehrgang zur Blattbearbeitung.

Dazu brauchen wir zwei Blätter, nämlich unser Lieblingsblatt und ein ganz besonders garstiges. Beide sollten feucht sein (am Besten, Sie haben beide zumindest eine Viertelstunde eingespielt)! Wir spannen unseren Liebling ein und prüfen mit der flachen Daumenkuppe vorsichtig, welcher Widerstand beim Andrücken sich spüren lässt - in der Mitte, nach links und rechts hin, später (mit mehr Übung) auch die Seiten hinunter. (Dabei auf gar keinen Fall das Blatt in die Öffnung hineindrücken!!!)

Der Widerstand wird (oder sollte) in der Mitte am stärksten sein und zu den Seiten hin gleichmässig abnehmen.

Nun spannen wir unseren garstigen kleinen Widerling ein und prüfen ihn genauso. Dabei könnte sich dann z.B. etwa folgendes herausstellen:

 Knapp vom rechten Rand ist das Blatt am härtesten, lässt dann nach links stark nach, und links von der Mitte ist fast so etwas wie ein Loch... ganz weich, kaum Widerstand! - dafür ist der äußerste linke Rand deutlich härter.

JETZT halten wir die Blätter mal gegens Licht - und stellen eventuell einen deutlichen Unterschied fest: Beim kleinen Liebling sind die Fasern schön gleichmäßig, bei dem Miststück läuft genau an der härtesten Stelle eine dicke, dunkle Faser entlang, in dem "Loch" ist tatsächlich nichts bis fast zur Längsmitte des Blattes...

Meistens wird der optische Befund aber keineswegs so eindeutig sein, also verlassen wir uns auf unseren Tastsinn und nehmen nun genau von dem dicken Ast etwas weg, und zwar das Blatt abnehmend herunter bis dort, wo mein Ansatz ist. Ich benutze dafür übrigen schmale Streifen Schleifpapier, von denen ich ein Stückchen abknicke. Rasierklingen, Skalpelle oder was auch immer gehen natürlich auch.

Ziel ist es letztendlich, dass sich das bearbeitete Blatt genauso anfühlt wie das Lieblingsblatt, und auch das werden Sie irgendwann verbessern können.

 

An dieser Stelle möchte ich ein Wagnis eingehen und David Liebman widersprechen: In seinem großartigen und zu Recht berühmten Buch über Saxophonsound schreibt er im Kapitel über Blätter, dass man sein Blatt nie im Herz bearbeiten soll (das ist die Mitte, der runde Teil des Anschnittes); ich hingegen sage: wenn es sein muss, auch da. Eine harte Faser, die dem Blatt vorne entschieden zu viel Stabilität verleiht, setzt sich auch durch das ganze Blatt fort.

 

Oft gibt es die entscheidende, auffällige dicke Faser garnicht, sondern erst beim genaueren Hinsehen lässt sich an der härteren Stelle so etwas wie ein Schatten sehen: hier schmirgel ich vorsichtig mit wenig Druck.

 

 Zum Schluss noch eine "Ermahnung": sehr viele (Amateur-)Saxophonisten spielen tagein, tagaus monatelang dasselbe Blatt und passen ihren Ansatz unbewusst daran an (auch daran, dass das Blatt immer weicher bzw. unelastischer wird); wenn der unvermeidliche Zeitpunkt der Trennung naht, ist der Jammer groß. Also bitte: wenn Sie wissen, welche Stärke für Sie die richtige ist, kaufen Sie eine ganze Schachtel und spielen Sie alle Blätter reihum - so lernen Sie auch, die Spreu vom Weizen zu trennen.